So sieht Wasser nicht aus! – Teil 1

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Pacific Ocean

Wer seine Bilder in den sozialen Medien präsentiert (und wer tut das heutzutage nicht?), muss damit rechnen, dass sie nicht jedem gefallen. Das ist absolut in Ordnung. Schließlich ist der persönliche Geschmack nicht normierbar. Allerdings gibt es bisweilen völlig unqualifizierte Kommentare, die Zweifel an der geistigen Reife einiger Nutzer aufkommen lassen. Ein solcher Kommentar ist auch der Grund für diesen Blog.

Zum Hintergrund

Eine Einsteigerin in die Fotografie hatte in einer FB-Gruppe das Foto eines Bachlaufs gepostet. Dabei hatte sie nach eigener Aussage bewusst eine lange Belichtungszeit gewählt, um das fließende Wasser darzustellen. Etwa so wie im Aufmacherfoto dieses Beitrags. Das Bild hatte die eine oder andere gestalterische Schwäche, aber der Fließeffekt des Wassers wurde deutlich. Also alles in Ordnung.

Aber gleich der erste Kommentar zu dem Foto lautete:

So sieht Wasser nicht aus!

Aha. Wasser sieht also anders aus. Natürlich sieht Wasser so aus:

Pacific Ocean

Völlig klar. Das kann gar nicht anders sein!

Kleinkariert

Eine solch eindimensionale Betrachtungsweise finde ich schon erschreckend.

Der Kommentator hat völlig übersehen, dass die Wahrnehmung von Mensch und Kamera schlichtweg unterschiedlich ist. Aber damit nicht genug. Er versucht, die Fotografie auf die reine, sachliche Dokumentation der Wirklichkeit zu reduzieren. Das kann schon im Ansatz nicht funktionieren. Um beim Beispiel des Wassers zu bleiben: Durch die kurze Belichtungszeit werden beim zweiten Bild die Wellen in ihrer Bewegung eingefroren. Auch so sieht Wasser in unserer Wahrnehmung nicht aus. Beide Darstellungen der Szene sind durch die technischen Gegebenheiten der Fotografie entstanden. Zugegeben, die zweite Aufnahme entspricht unserer Wahrnehmung ein wenig mehr als die völlig verwischten Wellen. Aber eben nicht ganz.

Ein anderes Beispiel dafür, wie unsinnig die These ist, Fotografie müsste oder könnte die Wirklichkeit abbilden, ist das folgende Foto einer Löwin:

Löwin

Schönes Tier, tolles Licht und ein unscharfer Hintergrund, gegen den sich die Löwin gut abhebt. Alles bestens, oder etwa nicht?

Wahrscheinlich sind sich die meisten Betrachter einig, dass es sich um ein gelungenes Tierporträt handelt. Aber mit der Geisteshaltung des Kommentators von oben müsste man eigentlich sagen: So sieht die Wirklichkeit nicht aus! Denn in unserer Wahrnehmung ist ein unscharfer Hintergrund nicht möglich. Die Augen fokussieren permanent nach und daher nehmen wir alle Teile einer Szene gleich scharf wahr. Probiert es aus. Sobald man irgendwo hinschaut, fokussiert unser Auge schneller als jeder Autofokus. Der unscharfe Hintergrund auf dem Löwenfoto ist also nur die Folge einer technischen Unzulänglichkeit der Fotografie. Trotzdem nutzen wir alle diesen Effekt gerne für Porträt- und Tierfotos, weil die selektive Schärfe hilft, den Blick des Betrachters auf das Wesentliche zu lenken. Die Realität ist es aber nicht!

Tatsächlich sind Unschärfen erst durch die Fotografie in die Welt gekommen. Betrachtet einmal Bilder, die vor der Erfindung der Fotografie gemalt wurden. Da ist immer alles scharf. Die Maler konnten sich Unschärfen gar nicht vorstellen. Wie auch, unsere Augen lassen einfach keine Unschärfen zu (von Fehlsichtigkeit einmal abgesehen). In neuerer Zeit nutzen allerdings auch Maler bisweilen selektive Schärfe. Das haben Sie sich offensichtlich von Fotos abgeschaut …

Fazit

Wer meint, die Fotografie auf reine Dokumentation der Wirklichkeit reduzieren zu müssen, sollte sich darüber klar sein, dass die technischen Limitierungen der Fotografie diesen Ansatz gar nicht zulassen. Und im übrigen sollten auch Fotografen die Freiheit haben, die Welt entsprechend ihren persönlichen Vorstellungen darzustellen. Maler nehmen sich diese Freiheit schließlich auch.

Mehr dazu im zweiten Teil.

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