Weitwinkelperspektive? Teleperspektive?

bisher 2 Kommentare

Bantry House

Man hört und liest immer wieder von „typischer Weitwinkelperspektive“ oder „extremer Teleperspektive“ oder ähnlichen Begriffen, die sich auf die angeblichen Abbildungseigenschaften von Objektiven unterschiedlicher Brennweite beziehen. Dumm nur, dass die Brennweite eines Objektivs rein gar nichts mit der Perspektive zu tun hat.

Hindurchsehen

Das Wort Perspektive kommt vom lateinischen perspicere und bedeutet hindurchsehen und bezeichnet die linearen Größenverhältnisse von Objekten im Raum im Bezug auf den Standort des Betrachters (etwas vereinfacht nach Wikipedia). Na und, werdet ihr vielleicht sagen, was hat das mit Objektiven zu tun? Zunächst einmal wenig. Wichtig sind in dem Satz die Worte in Bezug auf den Standort des Betrachters. Die Perspektive ist nämlich ausschließlich vom Standort des Betrachters abhängig. Das gilt auch beim Fotografieren. Solange man den Aufnahmestandort nicht verändert, bleibt die Perspektive immer exakt gleich. Durch verändern der Brennweite wird lediglich ein anderer Bildausschnitt erzeugt, aber die relativen Größenverhältnisse zwischen den abgebildeten Objekten verändern sich nicht.

Es gibt keine brennweitenabhängige Perspektive

Es also völlig unsinnig, von Weitwinkel- oder Teleperspektive zu sprechen. Warum es dennoch häufig gemacht wird, dazu werde ich am Ende dieses Blogs noch ein paar Worte verlieren. Zunächst aber der optische Beweis, dass die Perspektive tatsächlich von der Brennweite des Objektivs unabhängig ist. Für den Versuch musste die Christuskirche in Syke herhalten (ganz einfach weil sie nicht wegläuft …). Natürlich stand die Kamera auf einem Stativ um sicherzustellen, dass die Perspektive wirklich gleich bleibt.

Foto 1: 24 mm Brennweite

Kirche in Syke

 

Foto 2: 200 mm Brennweite

Kirche in Syke

 

Ich habe dann aus Foto 1 einen Ausschnitt gemacht, der möglichst genau dem Bildausschnitt bei 200 mm entspricht, hier in rot gekennzeichnet:

Kirche in Syke

Und hier im direkten Vergleich oben das Foto mit 200 mm Brennweite und unten der entsprechende Ausschnitt aus dem Weitwinkelbild:

Kirche in Syke

Kirche in Syke

Beachtet die unterschiedlichen Uhrzeiten …

Ich habe dann die beiden Bilder zum besseren Vergleich in Photoshop halbtransparent überlagert:

Kirche in Syke

Ja, man muss schon sehr genau hinsehen. Achtet auf den doppelten Minutenzeiger. Ansonsten ist die Übereinstimmung perfekt. Es ist absolut kein Unterschied in der Perspektive erkennbar. So wie es die Theorie vorhersagt. Also nochmal, damit es sich einschleift: Die Perspektive ist ausschließlich vom Aufnahmestandpunkt abhängig. Die Objektivbrennweite hat keinen Einfluss auf die Perspektive.

Warum sprechen wir dennoch von Weitwinkel- oder Teleperspektive?

Der Hauptgrund dafür ist einfach sprachliche Schlampigkeit. Es ist unbestritten, dass Aufnahmen mit Weitwinkelobjektiven eine ganz andere Wirkung haben, als Fotos, die mit langer Brennweite gemacht wurden. Weitwinkelaufnahmen betonen Bildelemente, die nah an der Kamera sind und übertreiben die Größenunterschiede von unterschiedlich weit entfernten Objekten. Teleobjektive verdichten Vorder- und Hintergrund und unterschiedlich weit entfernte Objekte werden annähernd gleich groß abgebildet. Aber das alles hat nichts mit der Perspektive zu tun.

Der zweite Grund ist etwas subtiler. Nehmen wir an, wir wollen ein Objekt formatfüllend fotografieren. Mit einem Weitwinkelobjektiv müssen wir dazu nah an das Objekt heran, mit dem Teleobjektiv dagegen müssen wir es aus größerer Entfernung fotografieren. Wir haben dann also unser Motiv von unterschiedlichen Standorten und damit folgerichtig aus unterschiedlichen Perspektiven fotografiert! Verschiedene Brennweiten ermöglichen also verschiedene Perspektiven, wenn wir uns denn an einen anderen Standort begeben.

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2 Antworten

  1. Peter Schick
    | Antworten

    Klasse, Rainer, prägnant und treffend mit anschaulichen Fotos belegt. Das sitzt jetzt hoffentlich ein für alle Male: Nur unterschiedliche Standorte führen zu unterschiedlichen Perspektiven!!!!

    • Rainer Hoffmann
      | Antworten

      Danke, Peter, das höre ich natürlich gerne !

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