Liefern Weitwinkelobjektive wirklich eine größere Schärfentiefe als Teleobjektive?

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Schubkarre

Man hört oder liest sehr oft, dass Weitwinkelobjektive, also Objektive mit einer kurzen Brennweite, bei gleicher Blendenzahl eine größere Schärfentiefe liefern als Teleobjektive. Das ist zwar nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Die richtige Antwort auf die Frage im Titel dieses Blogs ist daher ein klares jein.

Wovon hängt die Schärfentiefe ab?

Ihr wisst natürlich, dass die Schärfentiefe von drei Parametern abhängt:

  1. Von der Blendenzahl (je größer die Blendenzahl, desto größer die Schärfentiefe)
  2. Von der Aufnahmeentfernung (je größer der Abstand zum Objekt, desto größer ist bei gleicher Blendenzahl die Schärfentiefe)
  3. Von der Brennweite (je kürzer die Brennweite, desto größer ist bei gleicher Blendenzahl die Schärfentiefe)

Nun sagt ihr mit Recht: „Da steht’s doch: Bei kurzer Brennweite ist die Schärfentiefe größer! Warum ist dann die Antwort auf die Titelfrage ein klares jein?“ Der Grund ist der Abbildungsmaßstab!

Wenn wir annehmen, dass die Blendenzahl konstant ist, können wir sie für die weitere Betrachtung unserer Fragestellung außer acht lassen. Die Schärfentiefe hängt dann nur noch von der Aufnahmeentfernung (Punkt 2) und der Brennweite (Punkt 3) ab. Diese beiden Punkte können wir aber nicht unabhängig voneinander betrachten. Aufnahmeentfernung und Brennweite bestimmen nämlich bei gegebenem Sensor- bzw. Filmformat den Abbildungsmaßstab. Je größer die Aufnahmeentfernung, desto kleiner wird ein Objekt bestimmter Größe auf dem Sensor abgebildet und, siehe Punkt 2, desto größer ist die Schärfentiefe. Andererseits ist der Abbildungsmaßstab umso größer, je länger die Brennweite ist. Und daher ist, siehe Punkt 3, die Schärfentiefe umso geringer, je größer die Brennweite ist. Seht ihr, was da abläuft?

Weitwinkelobjektive und Teleobjektive haben bei gleicher Blendenzahl nur dann eine unterschiedliche Tiefenschärfe, wenn die Aufnahmeentfernung gleich ist. Dann sind aber die Abbildungsmaßstäbe völlig unterschiedlich. Nehmen wir an, ein bestimmtes Objekt wird bei einer Brennweite von 200 mm und einem Aufnahmeabstand von 5 m formatfüllend abgebildet. Um dasselbe Objekt mit einem 16 mm Objektiv formatfüllend abzubilden, müsste man bis auf wenige Zentimeter an das Objekt heran. Oder mit den Worten von Kurt Dieter Solf in „Fotografie, Grundlagen Technik Praxis“, Fischer Taschenbuch Verlag 1986, Seite 195:

Will man [ … ] mit einer kurzen Brennweite die gleiche Abbildungsgröße erreichen wie mit einer längeren, wozu man eine kleinere Aufnahmeentfernung wählen muss, so macht die Verkleinerung der Gegenstandsweite den Schärfentiefegewinn hinfällig: Bei gleichr Abbildungsgröße (Abbildungsmaßstab) ist die Schärfentiefe bei allen Objektiven gleich; Entfernungs- und Brennweiteneinfluss kompensieren sich.

Wenn euch die Mathematik dazu interessiert, bitteschön: https://de.wikipedia.org/wiki/Schärfentiefe

 

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