Schwarzweiß hybrid???

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Verwunschener Garten

Die analoge Fotografie ist wieder im Kommen. Das gilt auch für die analoge Schwarzweißfotografie. Das begrüße ich sehr. Schließlich liegen meine fotografischen Wurzeln sozusagen in der Schwarzweiß Dunkelkammer (meine von Hydrochinon verseuchten Lungen können ein Lied davon singen). Und meine fotografischen Vorbilder waren zu großen Teil ebenfalls Schwarzweißfotografen. Viele der Neueinsteiger in die analoge Schwarzweißfotografie scheuen aber die Dunkelkammer.

Der hybride Weg

Ein unübersehbarer Trend in der „neuen“ analogen Schwarzweißfotografie ist der hybride Weg. Will heißen: Die Aufnahme erfolgt auf S/W Film, der dann konventionell im (Groß-) Labor entwickelt wird. Der entwickelte Film wird dann gescannt und die weitere Bearbeitung der Aufnahmen erfolgt digital.

Das ist bequem aber inkonsequent. Und es kann qualitativ mit dem traditionellen, durchgängig analogen Arbeitsprozess nicht mithalten. Die Gründe für meine Vorbehalte gegen die hybride Methode möchte ich im Folgenden darlegen.

S/W Filmentwicklung

Anders als Dia- oder Farbnegativfilme, die in einem festgelegten Prozess (E6 für Diafilme, C41 für Farbnegativfilme) mit konstanten Temperaturen und Entwicklungszeiten entwickelt werden, erfordern S/W Filme je nach Filmtyp, Entwicklertyp, Belichtung und der primär gewünschten Eigenschaft (Feinkörnigkeit, hohe Empfindlichkeitsausnutzung) eine spezielle Entwicklung. In aller Regel wird die Temperatur von Entwickler und Fixierbad auf 20 Grad Celsius eingestellt und die Entwicklungszeit varriert je nach Filmtyp und gewünschtem Entwicklungsergebnis. Der Entwicklertyp bestimmt sehr stark die Empfindlichkeitsausnutzung und die Körnigkeit des entwickelten Films. Daher muss sich der S/W Fotograf bereits im Vorfeld überlegen, wie der Film entwickelt werden soll und danach die Belichtung anpassen. Ausgesprochene Feinkornentwickler nutzen in der Regel die Filmempfindlichkeit schlecht aus. Will man einen ASA 400 Film auf feines Korn trimmen, so kann es sein, dass die effektive Empfindlichkeit bei Entwicklung in einem Feinkornentwickler nur noch ASA 200 oder weniger beträgt. Ein Entwickler mit hoher Empfindlichkeitsausnutzung führt dagegen zu gröberem Korn.

In einem Großlabor sind diese sehr spezifischen Entwicklungen nicht möglich. Da unterschiedliche Filmtypen gleichzeitig entwickelt werden müssen, werden sogenannte Ausgleichsentwickler eingesetzt. Die Entwicklungsergebnisse können im Einzelfall gut sein, üblicherweise führen sie aber bestenfalls zu akzeptablen Ergebnissen. Höheren Ansprüchen kann die unspezifische Entwicklung leider nicht genügen.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma biete Fachlabore, die den Film typspezifisch und dach den Wünschen des Fotografen entwickeln. Diese Fachlabore sind allerdings dünn gesät und die Entwicklung hat natürlich ihren Preis.

Der Scanprozess

Schwarzweißfilme, die nach dem Entwickeln kleine Körnchen metallischen Silbers enthalten, lassen sich anders als Dia- oder Farbnegativfilme, bei denen das Silber ausgeschwemmt wird und nur noch „Farbwölkchen“ übrig bleiben, notorisch schlecht scannen. Das betrifft vor allem die hohen Dichten, also die Lichterpartien im positiven Bild. Daher leidet die Lichterdurchzeichnung der Negative mehr oder weniger stark. Wer auf den hybriden Weg setzt, sollte daher unbedingt auf einen Dienstleister achten, der sein Handwerk wirklich versteht. Auch ein guter Negativscan hat seinen Preis.

Digitale Nachbearbeitung

Typgerechte Entwicklung und einen sorgfältigen Scan vorausgesetzt kann man in der digitalen Nachbearbeitung alle üblichen Tonwertkorrekturwerkzeuge einschließlich nachbelichten und abwedeln anwenden. Gegenüber einem klassischen Abzug mit einem Vergrößerungsgerät auf Fotopapier unterschiedlicher Gradation sehe ich jedoch keinen Vorteil. Im Gegenteil: Die Probleme bei Entwicklung und Scan lassen eher einen Nachteil wahrscheinlich erscheinen.

Was bleibt vom hybriden Weg?

Wer den hybriden Weg in der Schwarzweißfotografie geht und seine Filme entwickeln und scannen lässt, der kann stolz von sich behaupten, dass er abseits vom digitalen Mainstream analog fotografiert. Mehr aber auch nicht. Vor allem vergibt er sich aber den Spaß, den die Entwicklung des Films und die Herstellung der Abzüge in einem chemischen Prozess macht. Wer einmal im Rotlicht der Dunkelkammer gesehen hat wie ein Bild im Entwickler entsteht, der weiß was ich meine. Deshalb, liebe neuanaloge Schwarzweißfotografen, geht den ganzen Weg von der Aufnahme über die Filmentwicklung bis zum fertigen Abzug auf S/W Fotopapier selbst. Dann könnt ihr euch auch mit Recht „Schwarzweißfotograf“ nennen. Das ist ein steiniger Weg und ihr werdet viel lernen müssen. Aber es ist ein höchst befriedigender Weg. Ich weiß, wovon ich spreche.

 

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