Vordergrund macht Bild gesund. Oder vielleicht doch nicht?

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Vermont State House, Montpelier

Ach, was täten wir nur ohne die bekannten Merksätze der Fotografie: „Sonne im Rücken, Knopf drücken!“ oder „Sonne lacht, Blende 8“, und „Schneide nie umter’m Knie!“. Wer kennt sie nicht? Und dann eben „Vordergrund macht Bild gesund!“. Eigentlich gar nicht so ein schlechter Merksatz. Aber er wird nicht selten komplett missverstanden.

Optische Tiefe durch ein Vordergrundobjekt

Foto sind flach. Per Definition fehlt ihnen die Dreimensionalität und damit die räumliche Wirkung, die wir in der Realität wahrnehmen. Tatsächlich kann man diese fehlende Räumlichkeit nicht selten durch ein geeignetes Vordergrundobjekt im Bild kompensieren. Bei dem Foto des Vermont State House in Montpelier ist es das Blumenbeet, das überproportional groß abgebildet wird und durch die gelben Blumen die optische Verbindung zu der goldenen Kuppel im Hintergrund herstellt.

In diesem Fall erfüllt der Vordergrund also einen wichtigen Zweck. Die kurze Brennweite (16 mm) und die stark nach unten geneigte Kamera führen zu dem gewünschten Effekt, also die räumliche Tiefe des Motivs zu simulieren.

Wenn der Vordergrund stört

Es gibt jedoch Fälle, in denen ein Vordergrund das Bild eher krank als gesund macht. Nämlich immer dann, wenn er nichts zur Sache tut und das eigentliche Motiv eher verdeckt als unterstützt.

Das folgende Foto von Neuentenschwanstein ist ein grenzwertiges Beispiel:

Neuschwanstein

Ich kann damit zwar halbwegs leben, aber wirklich gesund wird dieses Bild durch den Vordergrund ganz sicher nicht. Es gibt eindeutig bessere Fotos des berühmtesten deutschen Schlosses (sogar von uns…).

Auch das nächste Foto wird durch den Vordergrund nicht besser:

Motorradfahrer

Der Begrenzungspfahl vore rechts im Bild, der zu allem Überfluss auch noch sehr hell und unscharf ist, stört mich gewaltig. Man hat das Gefühl, der Motorradfahrer wird den Pfahl gleich umfahren. In diesem Fall habe ich allerdings keine Hemmungen, Photoshops inhaltssensitive Funktionen zu benutzen. Weg mit dem Pfahl…

Motorradfahrer

Na also, geht doch. Der Pfahl im Hintergrund stört mich übrigens ganz und gar nicht. Im Gegenteil, er zeigt, dass der Motorradfahrer auf einer normalen Straße und nicht auf einer Rennstrecke unterwegs ist.

Fazit

Richtig eingesetzt, kann der Spruch „Vordergrund macht Bild gesund“ durchaus hilfreich bei der Bildgestaltung sein. Aber man sollte nicht ungeprüft einfach irgendein Vordergrundobjekt im Bild platzieren, nur weil man meint, dass dadurch das Bild besser wird.

Übrigens habe ich schon viel schlimmer durch unpassende Vordergründe verhunzte Fotos gesehen, als die obigen Beispiele. Allerdings finden sich in unserem Archiv nicht allzu viele Bilder, die das illustrieren könnten. Wohl, weil ich die schlimmsten Exemplare gnadenlos aussortiert habe. Ich reagiere auf unpassende Vordergründe nämlich ziemlich allergisch. Besonders, wenn sie auch noch unscharf sind…

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