Fotografisch sehen – wie geht das?

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Menschen im Regen, fotografiert durch eine Fensterscheibe

Ja, wenn ich das wüsste! Ich würde ja nur noch Top-Fotos machen. Da ich aber mehr durchschnittliche als herausragende Bilder produziere, habe ich wohl noch kein wirkliches Patentrezept für das fotografische Sehen gefunden. Um ehrlich zu sein: Ich erwarte auch gar nicht, dass ich es jemals finden werde. Wäre auch langweilig. Aber über die Jahre habe ich doch den einen oder anderen Aspekt gefunden, den ich für wichtig halte, wenn man überzeugende Fotos machen will.

Das Foto ist Flach

Banal, ich weiss. Aber dennoch der vielleicht wichtigste Unterschied zwischen der wahrgenommenen Wirklichkeit und dem fotografischen Abbild. Dem Foto fehlt per se die optische Tiefe (ja, ich weiss, es gibt natürlich 3D Fotos, aber mal ehrlich, wer hat denn noch einen 3D Fernseher?). Diese fehlende Tiefe kann auf verschieden Weise erzeugt werden. Eine etablierte Methode ist die optische Unterteilung des Bildes in einen klar erkennbaren Vorder- und Hintergrund. Wie hier:

Schubkarre vor einem irischen Cottage

Das funktioniert besonders gut mit Weitwinkel-Objektiven.

Eine andere Möglichkeit ist oft bei Landschaftsfotos interessant. Besonders morgens und abends, wenn die Sonne tief steht, ergibt sich durch Wasserdampf und Staub in der Luft oft eine schöne Tiefenstaffelung der Landschaftselemente. Je weiter z.B. Bergketten von der Kamera entfernt sind, desto heller erscheinen sie. Diesen Effekt nennt man bisweilen „Luftperspektive“, obwohl er im strengen Sinne gar nichts mit der Perspektive zu tun hat. Hier ein Beispiel:

Ladies View. County Kerry, Irland

Also merken: Das Bild muss Tiefe haben!

Na ja, gut, ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Manchmal funktioniert auch das genaue Gegenteil:

Hier ist die dreidimensionale Wirklichkeit ganz bewusst durch eine lange Brennweite (300 mm) optisch auf eine Ebene reduziert worden. So ergibt sich ein sehr grafisches Bild, das eben gerade nicht unserer Wahrnehmung vor Ort entspricht.

Was zeige ich dem Betrachter und was zeige ich ihm nicht?

Das ist eine ganz entscheidende Frage. Mit dem Druck auf den Auslöser legt man auch den Bildausschnitt fest. Da wir in einem Foto niemals „alles“ zeigen können, müssen wir etwas weglassen. In aller Regel müssen wir sogar viel mehr weglassen, als wir jemals zeigen können. Das ist nicht schlimm. Im Gegenteil, man sollte sich sogar immer fragen, ob man noch etwas weglassen kann. Das „große Ganze“ ergibt eher selten ein spannendes Foto.

Wer, wie ich, gerne Flugzeuge fotografiert, tendiert fast automatisch dazu, den Flieger komplett abzulichten. Für die Aircraft Spotter ist das auch ganz ok, aber viel spannender kann es sein, die grafischen Eigenschaften des Motivs zu erkunden. Wieder ein Beispiel:

Weniger kann in der Tat mehr sein!

Wir sehen alles scharf

Unser Auge ist ständig in Bewegung und fokussiert ständig nach. Im Ergebnis erscheint uns immer das ganze Motiv von vorne bis hinten scharf. Anders die Kamera. Sie kann nur auf eine Entfernung innerhalb des Motivs wirklich scharf gestellt werden. Das ist Vorteil und Nachteil zugleich. Bei manchen Motiven kann es störend sein, wenn Vorder- und/oder Hintergrund nicht richtig scharf sind. Bei anderen Motiven dagegen ist selektive Schärfe von Vorteil, weil das Foto eben genau anders aussieht, als wir das Motiv wahrgenommen haben.

Man sollte also genau überlegen, ob ein Motiv eher selektive Schärfe oder aber eine durchgängige Schärfentiefe erfordert. Als Faustregel kann man sagen: Portraits eher selektive Schärfe, Landschaften eher durchgängige Schärfe.

Junge Frau mit Zuckerwatte

Baum am Ladies View, Irland

Aber wie immer gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme.

Zu dem Thema „fotografisch sehen“ ließe sich noch eine ganze Menge mehr sagen. Vielleicht schreibe ich irgendwann einen zweiten Teil.

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