Selektive Schärfe und Wahrnehmung

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Keukenhof Gardens

Mit der Schärfentiefe ist das ja so eine Sache. Dass ein Objektiv immer nur Objekte in einer bestimmten Entfernung von der Kamera wirklich scharf abbilden kann, ist uns vermutlich erst durch die Fotografie wirklich bewusst geworden. Auch unser Auge ist nicht in der Lage, alles scharf abzubilden. Da es aber permanent nachfokussiert, kann das Gehirn ein durchgängig scharfes Abbild konstruieren. Unsere Umwelt erscheint uns daher immer von vorne bis hinten scharf.

Selektive Schärfe ist eine Erfindung der Fotografie

In der klassischen Malerei war selektive Schärfe, wie sie in der Fotografie durch eine offene Blende erzeugt wird, völlig unbekannt. Die alten Meister haben ihre Bilder so gemalt, wie sie die Szene wahrgenommen haben. Also mit durchgängiger Schärfe vom Nahbereich bis unendlich. Alles andere wäre ihnen nie in den Sinn gekommen.

In der Fotografie haben wir genau das Gegenteil: Wirklich scharf ist eine Foto immer nur in der Ebene, auf die scharf gestellt wurde. Alle Bildelemente, die sich vor oder hinter der Schärfenebene befinden, werden mehr oder weniger unscharf abgebildet. Mit einer kleinen Blendenöffnung können wir diese Unschärfe verringern, so dass uns auch Objekte, die nicht in der Schärfenebene liegen, scharf erscheinen. Wirklich scharf werden sie aber dennoch nicht abgebildet. Dass sie uns auf dem Foto scharf erscheinen, liegt nur am begrenzten Auflösungsvermögen des Auges.

Die Fotografie erzeugt also Bilder, die wir so nicht unbedingt wahrnehmen. Gerade die selektive Schärfe, also die Beschränkung der Schärfentiefe auf einen kleinen Bereich, entspricht also nicht unserer erlebten Wirklichkeit. Wohl deshalb wird dieser Effekt bei vielen Fotos so gerne eingesetzt. Allerdings gibt es Motive, denen eine durchgängige Schärfe einfach besser steht. Und in solchen Fällen kommt man bisweilen an technische Grenzen.

Wenn die Schärfentiefe nicht reicht

Keukenhof gardens

Bei diesem Blumenbeet im Keukenhof empfinde ich die Schärfentiefe als unzureichend, da ich gerne die Blütenstruktur auch der hinteren Blumen scharf abbilden möchte. Eben so, wie ich es selbst vor Ort wahrgenommen habe. Aber selbst bei Blende 22 reichte die Schärfentiefe nicht aus, um durchgängige Schärfe zu erzielen.

Als wir noch mit Diafilm gearbeitet haben, mussten wir mit dieser technischen Einschränkung leben. Bei digitalen Fotos können wir das Problem recht elegant über Focus Stacking lösen, also die Kombination von zwei oder mehr Bildern mit unterschiedlicher Lage der Schärfenebene. Hier zum Vergleich nochmal das Foto mit vollständiger Schärfe:

Keukenhof Gardens

Diese Variante entspricht meiner Wahrnehmung viel eher, als das Bild mit begrenzter Schärfentiefe. Daher empfinde ich die Kombination mehrere Bilder in diesem Fall auch nicht als Manipulation. Es ist aus meiner Sicht lediglich die Korrektur einer technischen Unzulänglichkeit der Fotografie, nähmlich der Unmöglichkeit, ein Motiv durchgängig scharf abzubilden.

Ja, ich weiß, in diesem Fall hätte auch ein Tilt-Shift-Objektiv Abhilfe geschaffen. Aber ich habe nun mal keins…

Wie immer freue ich mich über eure Kommentare und Meinungen.

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