Vollformat – der heilige Gral

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Guinness

In der guten alten Zeit hatten wir Kleinbildkameras, Mittelformatkameras und Großformatkameras. Seit die Kameras statt Film einen digitalen Sensor haben, sind wir mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Aufnahmeformaten beglückt worden. APS-C, DX, Four-Third, Vollformat und die diversen Sensorformate der Kompakt- und Bridgekameras. Aber für viele Hobbyfotografen gitl das Vollformat als der heilige Gral. Warum eigentlich?

Vollformat? früher haben wir das „Kleinbild“ genannt!

Es mutet schon ein wenig merkwürdig an, dass man das ehemalige Kleinbildformat (24×36 mm) heute vollmundig „Vollformat“ nennt. So, als ob es darüber nichts mehr gäbe, denn schließlich kann etwas nicht voller sein als voll (siehe Guinness…). Als Oskar Barnack bei der Firma Leica das Kleinbildformat „erfand“, wurde es lange Zeit von den Fotografen nicht ernst genommen. Die waren nämlich wirklich große Filmformate wie 8×10″ (20x 25cm) oder zumindest 4×5″ (ungefähr 9×12 cm) gewohnt. Oder doch zumindest den Rollfilm mit einem Bildformat von 6×9 cm. 24×36 mm war da geradezu lächerlich klein. Und je kleiner das Filmformat, desto schlechter die Bildqualität.

Von einigen sündhaft teuren Mittelformatkameras mal abgesehen, gilt das Vollformat, also ein Sensor mit den Abmessungen 24×36 mm, als das Maß der Dinge in der digitalen Fotografie. Und manch ein Hobbyfotograf möchte gerne, wenn er mal groß ist, auf das Vollformat „upgraden“. Aber wieso eigentlich? Was spricht denn überhaupt für das Vollformat? Und was vielleicht dagegen? Ich versuche mal eine Analyse.

  • Der große Sensor hat ein besseres Rauschverhalten als ein kleinerer Sensor

Das stimmt unter der Voraussetzung, dass beide Sensoren etwa die gleiche Pixelzahl haben. Denn das Rauschverhalten hängt nicht wirklich von der Sensorgröße, sondern von der Größe der einzelnen lichtempfindlichen Fotodioden ab. Bei gleicher Pixelzahl können diese Fotodioden umso größer sein, je größer die Sensorfläche ist. Ein Vollformatsensor mit 40 Mio. Pixeln hat nicht notwendigerweise ein besseres Rauschverhalten als ein APS-C Sensor mit 24 Mio. Pixeln!

  • Der große Sensor ermöglicht bei gleicher Blende eine geringere Schärfentiefe

Absolut! Bedingt durch den größeren Abbildungsmaßstab des großen Sensors ist die Schärfentiefe bei gleicher Blende geringer. Aber das ist Vor- und Nachteil zugleich. Während sich die Portraitfotografen vielleicht darüber freuen, ist es für die Landschaftsfotografen eher von Nachteil. In der Landschaftsfotografie möchte man meistens von vorne bis hinten alles scharf abbilden. Das geht aber bei einem kleinen Sensor bereits mit mittleren Blendenzahlen, während man bei einem Vollformatsensor oft Blende 22 oder sogar 32 dafür benötigt.

Allerdings sollte man sich vom Umstieg von APS-C auf Vollformat in dieser Hinsicht keinenQuantensprung erwarten. Der Schärfentiefeunterschied zwischen Vollformat und einer Kompaktkamera ist allerdings enorm.

  • Der große Sensor hat Vorteile beim Einsatz von Super-Weitweinkel Objekitven

Bei Objektiven für APS-C Kameras ist die kürzeste Brennweite derzeit bei etwa 10mm angesiedelt. Das entspricht etwa 16 mm bei Vollformat. Für Vollformatkameras ist bei 16 mm aber lange noch nicht Schluss. So hat Canon etwa ein WW-Zoom von 11 – 24 mm im Programm. Das hört sich nicht allzu dramatisch an, aber im Super-Weitwinkelbereich macht ein Millimeter weniger Brennweite schon einen erheblichen Unterschied im Bildwinkel aus. Wer also gerne mit Super-Weitwinkeln arbeitet, hat mit einer Vollformatkamera tatsächlich mehr Möglichkeiten.

  • Der große Sensor hat Nachteile beim Einsatz von Teleobjektiven

Tier- oder Sortfotografen benötigen oft sehr lange Brennweiten. Bei gleichem Bildwinkel muss die Brennweite an einer Vollformatkamera ja bekanntlich um ca. den Faktor 1,5 länger sein als an einer APS-C Kamera. Bei gleicher Anfangsöffnung ist dann das erforderliche Objektiv deutlich größer, schwerer und vor allem teurer als ein entsprechendes Objektiv für eine APS-C oder Four.Third Kamera. Das stimmt allerdings nur unter der Annahme, dass beide Kameratypen dieselbe Pixelzahl haben. Ansonsten kann man natürlich aus dem Foto der Vollformatkamera einen entsprechenden Bildausschnitt machen.

  • Vollformat ist systembedingt größer, schwerer und teurer als APS-C oder Four-Third

Das ist eindeutig der entscheidende Nachteil von Vollformat.

Ein Zwischenfazit

Aus den bisherigen Argumenten ergibt sich kein eindeutiger Sieger oder Verlierer. Wem Preis und Gewicht der Ausrüstung egal ist, kann sich nach seinen persönlichen Vorlieben entscheiden. Für die Meisten sind aber insbesondere der Preis und für viele auch das Gewicht der Ausrüstung ein entscheidendes Argument. In beiden Kategorien haben die Kameras mit den kleineren Sensoren eindeutig die Nase vorn.

Herstellerpolitik

Neben den oben genannten Überlegungen gibt es aber noch ein paar andere Punkte zu bedenken, die grundsätzlich zwar nichts mit der Sensorgröße zu tun haben, aber dennoch indirekt damit zusammen hängen.

In der Regel sind die Vollformatmodelle der jeweiligen Hersteller auch die Spitzenmodelle. Sie zeichnen sich üblicherweise aus durch

  • robuste, spritzwassergeschützte Gehäuse
  • robuste Mechanik
  • sehr schnelles Autofokussystem
  • sehr hohe Bildfrequenz
  • große, helle Sucher, die 100% des Bildes anzeigen

Diese Merkmale führen häufig dazu, dass Fotografen, die mit einem kleineren Sensor an sich gut bedient wären (z.B. Sportfotografen) dann doch zur Vollformatkamera greifen, weil sie etwa die sehr hohe Bildfrequenz und den schnellen Autofokus benötigen.

Andererseits wenden sich diese Modelle an eine eher konservative Käuferschicht. Berufsfotgrafen legen Wert auf altbewährtes, mit dem sie vertraut sind und wollen keine wenig erprobten Ausstattungsmerkmale. Daher findet sich an den Volformatkameras vieles nicht, an das sich die Nutzer von Kameras mt kleineren Sensoren längst gewöhnt haben. Dazu gehören z.B.

  • Klappdisplays
  • Touch Screens
  • GPS Empfänger
  • Motivprogramme

Diese unterschiedliche Ausstattung der verschiedenen Kameramodelle hat natürlich nicht wirklich etwas mit der Sensorgröße zu tun. Aber mit der Entscheidung für oder gegen Vollformat kauft man entweder das eine oder das andere mit.

 

Wie immer freue ich mich über eure Meinungen und Kommentare.

2 Antworten

  1. Ulf Kaack
    | Antworten

    Das sind Dinge, mit denen ich mich aus Bequemlichkeit eigentlich nie beschäftige. Um so besser, hier die Fakten kompakt und gut verständlich erklärt zu bekommen. Danke dafür!

    • Rainer Hoffmann
      | Antworten

      Das ist für Dich sicherlich im Augenblick kein Thema. Du hast ja eine Vollformatkamera und wenn Du nicht beabsichtigst, eine neue zu kaufen, dann musst Du darüber natürlich nicht nachdenken. Aber in unseren Kursen taucht diese Frage immer wieder auf und da haben wir uns gedacht, wir fassen die Argumente für oder gegen Vollformat mal zusammen.

      Auf jeden Fall freut es mich, dass Du den Beitrag nützlich findest.

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