Bildkritik – Teil II

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Schneeleopard

Im ersten Teil diese Blogs hatte ich die Vermutung geäußert, dass es keine absoluten Kriterien für die Beurteilung von Fotos (oder Bildern ganz allgemein) gibt. Trotzdem machen wir in unseren Fotokursen immer auch eine Bildbesprechung. Und in diesen Diskussionen zeigt sich doch immer wieder, dass es in vielen Fällen einen Konsens darüber gibt, was an einem Foto gelungen und was weniger gelungen ist. Wohlgemerkt: In vielen Fällen, nicht aber in allen!

Ablauf einer Bildbesprechung

Bei unseren Bildbesprechungen beurteilen wir die Bilder in drei Kategorien:

  • Bildinhalt
  • Technik
  • Bildgestaltung

Zunächst sagt der Fotograf / die Fotografin ein paar Worte zu dem Bild. Danach dürfen alle anderen Kursteilnehmer und natürlich auch der/die Kursleiter Stellung nehmen. Dabei sagt man zunächst, was einem an dem Foto gefällt. Danach dürfen natürlich auch Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Wichtig dabei: Die Meinungen sollen begründet werden. Ein einfaches „find‘ ich jetzt nicht so toll“ reicht natürlich nicht. Trotzdem sind die Beurteilungen immer auch vom persönlichen Geschmack geprägt.

Bei diesen Diskussionen über die Fotos gehen die Meinungen sehr oft auseinander. Und das ist gut so. Wenn wir immer alle einer Meinung wären, dann würden auf Dauer alle Fotos gleich aussehen.

Im Folgenden möchte ich gerne an drei Beispielen zeigen, wie eine Bildbesprechung aussehen kann. Dafür habe ich je ein Foto gewählt, bei dem ich Verbesserungsbedarf sehe und als Vergleich dazu ein Bild, dass die Defizite des ersten Bildes nicht aufweist.

Schneeleopard

Schneeleoparden

Bildinhalt

Zwei Schneeleoparden in ihrer (fast) natürlichen Umgebung. Ein Zoofoto, das durchaus nicht wie im Zoo aufgenommen aussieht. Insgesamt ein attraktives Motiv, denn die meisten Menschen sind von Katzen angetan.

Technik

Die Schärfe liegt auf den Augen der Katzen, so wie es sich bei „allem was Augen hat“ immer anbietet. Unscharfe Augen empfinden wir meistens als ungünstig.

Die Schärfentiefe ist ausreichend, um die beiden Köpfe scharf abzubilden, aber gering genug, um den Hintergrund in Unschärfe zerfließen zu lassen. Auch das gut gelöst.

Die Belichtung ist perfekt. Keine ausgefressenen Lichter und keine zugelaufenen Schattenpartien.

Technisch ist das Foto einwandfrei.

Bildgestaltung

Die Köpfe der Tiere sind im rechten Bilddrittel angeordnet und sie schauen nach links „in das Bild hinein“. Die rote Zunge des vorderen Schneeleoparden bringt Farbe ins Spiel. Der Bidlaufbau ist insgesamt ausgewogen und harmonisch.

Leider liegen die Stämme der Bäume im vollen Sonnenlicht. Daher sind sie sehr hell. Helle Objekte ziehen meine Aufmerksamkeit sehr stark auf sich. Und so lenken sie leider den Blick vom Hauptmotiv ab. Auch die Gräser / Blümchen im Vordergrund sind in dieser Hinsicht nicht hilfreich.

Die Schnauze der hinteren Katze ist verdeckt. Das ist sicher nicht optimal, empfinde ich aber als nicht wirklich dramatisch.

Insgesamt ein akzeptables Bild, aber nicht mein Favorit.

Das es anders geht, zeigt das zweite Foto, dass am selben Tag am selben Gehege aufgenommen wurde:

 

Schneeleopard

Aus meiner Sicht das klar bessere Foto. Der Hintergrund ist dunkel und wenig störend und die Gräser rechts im Vordergrund überdecken keine wichtigen Bildteile. Gut gefällt mir auch, dass der Schneeleopard auf den Felsen liegt und die Beine und die Tatzen zu sehen sind. Außerdem ist das Licht sehr sanft und modelliert das Tier sehr schön heraus.

Bei dem Foto sehe ich keine wesentliche Verbesserungsmöglichkeit.

Kostümierte Person

Maskierte Person in Venedig

Bildinhalt

Die kostümierte Person und der Campanile im Hintergrund lassen keinen Zweifel aufkommen: Wir sind beim Karneval in Venedig. Das Kostüm ist aufwändig gestaltet und der historische und bekannte Hintergrund komplementiert das eigentliche Motiv. Das Motiv ist es unbedingt wert, fotografiert zu werden.

Technik

Auch hier liegt die Schärfe genau auf dem Hauptmotiv. Kostüm und Federn sind knackscharf während der Hintergrund zwar unscharf aber noch deutlich erkennbar ist und so den Kontext herstellt. Die Belichtung ist ebenfalls auf den Punkt! Da die Person mit einem Gelbfilter vor dem Blitzgerät angeblitzt und der Weißabgleich in Lightroom so angepasst wurde, dass die Maske nur noch ganz leicht gelblich erscheint, kippt der Hintergrund ins bläuliche. Das ergibt einen schönen Farbgegensatz.

Technisch ohne Tadel, würde ich sagen.

Bildgestaltung

Durch die Positionierung der Person im linken Bilddrittel ergibt sich nach rechts genügend Platz für den Campanile und den Dogenpalast. Gut gedacht, aber in der Umsetzung nicht auf ein kleines Detail geachtet: Leider überschneiden sich die Federn leicht mit dem Campanile. Das wirkt auf mich nicht wirklich überzeugend. Ich hätte mir ein klein wenig Luft zwischen den Federn und dem Turm im Hintergrund gewünscht.

Mehr habe ich allerdings an dem Foto nicht auszusetzen. Und die Lösung ist ja auch vor Ort ganz einfach. Ein Schritt nach rechts, und das Problem ist aus der Welt:

Maskierte Person in Venedig

Besser, oder?

Radfahrer

Radfahrer

Bildinhalt

Ein Radfahrer in der norddeutschen Tiefebene. Die kräftigen Grundfarben von Helm, Trikot und blühendem Raps ergeben einen starken Kontrast. Durchaus ein Grund, auf den Auslöser zu drücken. Aber insgesamt ist es ein eher dokumentarisches Foto ohne größeren (künstlerischen) Anspruch.

Technik

Auch bei diesem Foto ist die Schärfe tadellos. Die Belichtungszeit war so kurz, dass der Radfahrer völlig unverwischt abgebildet wurde. Die Schärfentiefe ist so minimal, dass das Rapsfeld im Hintergrund völlig unscharf wird. Die Belichtung ist mal wieder über jeden Zweifel erhaben.

Bildgestaltung

Das Foto bezieht seine Wirkung primär aus den kräftigen Farben. Der unscharfe gelbe Hintergrund umschließt den Radfahrer sehr schön und lässt ihn aus dem Bild regelrecht hervortreten. So weit, so gut.

Die meisten Betrachter sind sich aber einig, dass das angeschnittene Vorderrad in diesem Fall sehr ungünstig ist. Man hat das Gefühl, der Radfahrer würde gegen den Bildrand fahren (na ja, er trägt zumindest einen Helm). Das Bild wirkt dadurch irgendwie nicht stimmig. Mich befällt ein gewisses Unwohlsein. Zugegeben, dass ist jetzt ein Gefühl, dass nicht so ohne weiteres sachlich zu begründen ist. Deshalb das Gegenbeispiel:

Radfahrer

Ein praktisch identisches Foto. Nur ist diesmal das Hinterrad angeschnitten. Und siehe da, ich habe kein ungutes Gefühl mehr. In Bewegungsrichtung des Radfahrers ist genügend „Luft“ und man hat nicht mehr den Eindruck, er führe gegen eine Wand. Mir gefällt das Bild eindeutig besser.

Persönlicher Geschmack?

Zu einem guten Teil sicherlich. Aber bei den drei Beispielen sind sich doch die meisten Betrachter einig. Allerdings liegen die Dinge nicht immer so einfach… Aber spannend sind die Bildbesprechungen immer!

 

Wie immer bin ich gespannt auf eure Meinung zu diesem Thema.

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