Bildkritik – Teil I

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Maskierte Person in Venedig

In unseren Fotokursen sprechen wir natürlich über die Fotos der Kursteilnehmer. Dabei versuchen wir in der Diskussion über die Bilder möglichst konstruktive, positive Kritik zu üben. Was ist gut, was hätte man vielleicht anders oder auch besser machen können. Auch in den sozialen Medien werden oft Fotos mit der Bitte um Kritik gepostet. Aber nicht immer wird diese Kritik sachlich vorgebracht und auch sachliche Kritik wird von den Fotografen nicht immer emotionslos entgegen genommen.

Warum ein Blog zum Thema Bildkritik?

Auf die Idee kam ich nach einem Facebook Eintrag von Tobias Gawrisch (https://www.crtvty.de), einem sehr talentierten jungen Fotografen aus Mühlheim an der Ruhr, der aus verschiedenen Facebook Gruppen ausgetreten ist, unter anderem wegen der aus seiner Sicht oftmals nicht nachvollziehbaren Kritik an seinen Fotos. So schreibt er in seinem Blog:

Und dann noch die Sache mit dem Feedback bzw. der Kritik: Es ist keine Kritik, wenn ich zu hören bekomme: „Da hätte ich aber mehr reingezoomt, um das und das am Rand nicht noch mit drauf zu haben.“ oder „Das ist mir aber zu dunkel, hätte ich heller gemacht.“ oder „Da gefällt mir aber die Farbe vom Himmel nicht.“ Das ist alles keine Kritik, dass sind Geschmäcker und Meinungen […]. Das kann man natürlich schreiben, es hat aber nahezu keinen Mehrwert. Weder für den Fotografen, noch für die anderen Leser. Kritik muss begründet sein, sie muss nachvollziehbar sein.

In der Tat sollte Kritik begründet und nachvollziehbar sein. Aber ich habe mich gefragt, ob man ein Bild, ganz gleich ob es ein Foto oder ein Gemälde ist, wirklich beurteilen kann, ohne seine persönliche Meinung und seinen persönlichen Geschmack einfließen zu lassen.

Begründet und nachvollziehbar

Die Aussage

„Da hätte ich aber mehr reingezoomt, um das und das am Rand nicht noch mit drauf zu haben.“

ist durchaus begründet. „…um das und das am Rand nicht noch mit drauf zu haben.“ ist selbstverständlich eine zulässige und aus meiner Sicht auch nachvollziebare Begründung dafür, mehr „reinzuzoomen“. Aber es ist eine persönliche Meinung, es besser zu finden, dass bestimmte Dinge am Rand nicht mit im Bild sind. Ein anderer mag es gerade gut finden, wenn da am Rand noch irgendetwas zu sehen ist.

Persönliche Meinung

Ich tue mich (fast immer… na ja, zumindest sehr häufig) schwer mit unscharfen Vordergründen. Andere Fotografen sind so begeistert davon, dass Sie schon fast zwanghaft nach Vordergründen suchen, die sie unscharf ins Bild integrieren können. Wenn ich also bei einem solchen Foto sage, dass der unscharfe Vordergrund den Blick auf das Hauptmotiv beeinträchtigt, dann ist das zwar begründet, aber offensichtlich meine persönliche Meinung.

Ich mag es nicht, wenn eine prägnante Linie genau in einer Bildecke ausläuft, weil (Begründung!) ich das Gefühl habe, dass das Foto dann in zwei Teile zerschnitten wird und unharmonisch wirkt. Andere finden genau das gut und achten ganz bewusst darauf, dass Linien in der Bildecke auslaufen. Offensichtlich auch das eine ganz persönliche Meinung bzw. persönlicher Geschmack.

Ich mag es nicht, wenn in einem Bild große, strukturlose schwarze Flächen vorkommen, in denen keine Details mehr erkennbar sind. Da bin ich hoffnungslos „old School“. Andere finden es gut und nennen es „Low Key“ (dazu könnte ich jetzt eine ganze Menge sagen, aber das ist hier nicht das Thema). Also wieder eigener Geschmack und kein objektives Kriterium.

Sehr helle Flecken oder ander Elemente im Bildhintergrung stören mich oft, weil sie den Blick auf sich lenken und vom Hauptmotiv ablenken. Ich finde, dass ist sehr gut begründet. Dennoch gibt es viele Fotografen, die genau das gut finden.

Absolute Kriterien?

Ich könnte hier noch seitenweise Beispiele bringen, aber das soll genügen. Die Frage, die sich stellt, ist:

Gibt es absolut objektive Kriterien für die Beurteilung eines Bildes, die völlig frei von persönlichen Meinungen oder Geschmäckern sind?

Ich fürchte nicht. „wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall„, wie man bei uns in Norddeutschland sagt. Wer seine Fotos der Kritik stellt, wird sich damit abfinden müssen, dass immer auch der persönliche Geschmack bei der Bewertung eine Rolle spielt. Wie wir Bilder beurteilen, ob uns etwas gefällt oder eher nicht, ist auch und vor allem eine kulturelle und zeitgeschichtliche Frage. Und natürlich eine Frage unserer persönlichen Erfahrungen.

Aber macht dann eine Bildkritik überhaupt SInn? Wenn alles nur eine Frage des Geschmacks ist,lässt sich dann nicht alles und jedes gut oder schlecht reden?

Wir machen bei unseren Kursen dennoch eine Bildbesprechung. Wie diese Besprechungen ablaufen und warum sie, trotz aller oben genannten Vorbehalte, dennoch eine Bereicherung für alle sind, das könnt ihr in Teil 2 lesen.

 

Wie immer freue ich mich über eure Meinungen und Kommentare

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